Harald oder Franny?

Das „Und“ leben – Ein Interview zum NLP-Kongress 2022 mit unserem Keynote-Speaker

Harald Berenfänger spricht auf dem NLP-Kongress 2022 „Gefühle“ zum Thema: „Das UND leben – oder: Die neue Freiheit jenseits von Falsch und Richtig“. DVNLP-Vorsitzender Ralf Dannemeyer hat mit unserem Keynote Speaker ein Vorab-Interview geführt.

Ralf Dannemeyer: Bevor wir anfangen: Wie darf ich Dich anreden? Auf Deiner Website steht Harald, aber im Internet finde ich Dich auch unter Franny. Was ist denn nun Dein richtiger Vorname?

Harald Berenfänger: Danke, dass Du fragst, lieber Ralf. Und wie soll ich sagen? Wir sind schon mitten im Thema. Du sagst aber und fragst nach dem richtigen Namen. Ich mag dazu einladen, stattdessen Und zu sagen und die Frage nach dem richtigen Namen nicht mehr zu fragen, ja, am besten gar nicht mehr zu denken.

D: Oha! Geht es jetzt um Denkverbote!?

B: Chapeau! Natürlich nicht. Ein Denkverbot wäre ja schließlich nichts anderes als seinerseits ein Unterscheiden in Falsch und Richtig.

D: Also, worum geht’s Dir? Und was ist die Botschaft Deines Vortrags auf unserem Kongress?

B: Die Kurzfassung: Wir werden die massiven Probleme dieser Welt leichter – und nur dann – lösen, wenn wir uns trauen, viel öfter Und zu denken als Aber. Wenn wir nicht ständig entschieden Falsch oder Richtigurteilen, sondern uns die Freiheit nehmen, vermeintliche Widersprüche zuzulassen. Ambivalenzen zu begrüßen.

D: Wenn ich das höre, denke ich: Was sonst? Aber ich denke auch: Ist doch ein alter Hut. Wer mag schon Rechthaberei? Natürlich braucht’s Kompromisse.

B: Du sagst da ein wichtiges Wort: Kompromiss. Ein Kompromiss bezieht sich auf unser Verhalten. Auf das, was wir tun oder lassen. Das Und, wie ich es meine, bezieht sich dagegen auf die Ebene der Identität, darauf, wer wir sind.

D: Bitte etwas präziser!

B: Machen wir es mal an meiner Person fest. Ich bin Harald, und ich bin Franny. Ich bin beides. Beides zugleich. Ein Kompromiss dagegen wäre: Heute kleide ich mich maskulin, morgen kleide ich mich feminin. Aber so wichtig mir mein äußeres Erscheinungsbild auch ist: Darum geht es nur in zweiter Linie. Im Kern geht es mir darum, ein Mensch zu sein, der sich die Freiheit nimmt, sich nicht entscheiden zu müssen. Ich muss nichts abscheiden. Weder das Männliche noch das Weibliche. Beides ist richtig, beides bin ich.

D: Ok, nur beantwortet das noch immer nicht meine Frage, wie ich Dich ansprechen soll. Harald oder Franny?

B: Ja – und wenn wir diese Frage weiterdenken, landen wir sofort bei den Pronomen. Sprechen wir über mich als Er oder Sie?

D: Ja, wie?

B: Das zeigt, wie tief unser Denken in Kategorien von Falsch und Richtig organisiert ist. Wir können Menschgar nicht denken, ohne sofort eine entschiedene Entscheidung zu verlangen: Mann oder Frau? Keine Schwangerschaft, keine Geburt, die nicht sofort nach einem eindeutigen Geschlecht fragt. Absichtsloses Offenbleiben kommt uns gar nicht in den Sinn. Vielmehr kommen wir sofort in Kontakt mit Unverständnis, Ärger und Wut, wenn wir nicht eindeutig wissen dürfen, wer dieser Mensch ist. Welches Geschlecht dieser Mensch hat, genauer: Ob dieser Mensch ein Mann oder eine Frau ist. Nichts scheint uns hier so schlimm wie Unordnung.

D: Ich merke gerade, dass da zwei Seelen in meiner Brust schlagen. Ein Teil in mir findet das, was Du sagst, spannend und richtig. Ein anderer Teil ist irgendwie genervt…

B: Verstehe ich gut… Schließlich bin ich ja auch ein Mann. Wir Männer lieben es, für alles immer gleich eine Lösung zu haben. Immer Bescheid zu wissen. Und auch allen immer Bescheid zu sagen. Vor allem Frauen. Nichts schlimmer für uns, als Nicht-Wissen zu erleben und auszuhalten. Oder zu denken, eine Frau ist klüger als wir.

D: Klare Worte! Und eine Menge Stereotype.

B: Ja. Beides.

D: Wechseln wir doch mal den Raum. Du bist ja nicht nur Mensch, Du bist auch ein Coach, ein Kollege. Wo ist da das Und?

B: Auf vielen Ebenen. Nehmen wir zum Beispiel die Frage, die unsere Branche seit Jahren umtreibt: Was ist ein guter Coach?

D: Eine wichtige Frage!

B: Ja, unbedingt! Und sie bleibt in letzter Konsequenz unbeantwortbar.

D: Steile These! Qualitätssicherung ist schließlich das Kernanliegen aller Berufsverbände im Coaching, auch des DVNLP.

B: Ja, und das ist gut so. Das soll auch unbedingt so bleiben. Wovor wir uns nur hüten dürfen, ist, vermeintlich eindeutig definieren zu wollen, wer ein guter Coach ist. Zu denken, dass wir schon vor einem Coaching-Prozess wüssten, ob der gewählte Coach der richtige oder falsche ist. Zu denken, wir könnten objektiv entscheiden, wer ein guter Coach ist und wer nicht.

D: Da trittst Du aber gerade einer Menge Kolleginnen und Kollegen mächtig gegen’s Bein…

B: Vielleicht klingt es versöhnlicher, wenn ich es so beschreibe… Um die Frage nach der Güte eines Coachs zu beantworten, bemühen wir Dinge, die messbare Entscheidung und Abscheidung erleichtern sollen: Ausbildungen, Zertifikate, Weiterbildungspunkte, Referenzen, Veröffentlichungen, Felderfahrung usw. Alles hilfreich und doch ist das, was ein Coaching gelingen lässt, auf diesem Wege gar nicht zu fassen, denn Coaching ist ein komplexer Vorgang, der nicht kompliziert evaluiert werden kann.

D: Was meinst Du damit?

B: Coaching entzieht sich dem einfachen Kausalzusammenhang, denn Coaching kann man nicht machen. Coaching ist nicht gut, wenn der Coach gut ist, also messbar gut ausgebildet. Coaching entsteht in dem Raum, wo sich die Coach und Klient begegnen. Coaching ist in erster Linie Beziehung – und erst in der Folge Tools und Technik. Für ein gelungenes Coaching können die Beteiligten nach Kräften sorgen, aber sie können es nicht machen, nicht kaufen, nicht fordern.

Es gibt ganz wunderbare Coachings ohne raffinierte Titel und Tools. Und es gibt ganz schreckliche Coachings trotz raffinierter Titel und Tools.

Gutes Coaching ist ein Zustand, in dem etwas Neues entsteht, das mehr ist als die Summe der Beteiligten bzw. deren Kompetenzen. Ein Zustand der Emergenz und manchmal pure Magie.

D: Schön gesagt – könnten von mir stammen, Deine Worte (grins). Nur: Wenn ich Deine Vita lese, finde ich dort Ausbildungen und Zertifikate. Ist das nicht ein Widerspruch zu dem, was Du da sagst?

B: Nein, das geht prima zusammen. Natürlich muss ich etwas dafür tun, dass Coachings mit mir eine möglichst große Chance haben, zu gelingen. Das ist die Verhaltensebene. Aber genauso selbstverständlich darf ich mich davor hüten, mich eindeutig und entschieden als guten Coach zu definieren. Das ist die Identitätsebene. Beides zugleich. Das ist ein Und in unserem Beruf.

D: Darüber könnte ich jetzt noch eine Weile diskutieren, aber ich wage jetzt mal für mich das Und und beende unser Gespräch, auch wenn ich nicht erfahren habe, wie ich Dich ansprechen soll und was die richtigen Kriterien für gute Coaches sind. Und ich freue mich auf Deine Keynote beim NLP-Kongress und was Du dort noch zu diesem Thema sagen wirst.

Danke für dieses inspirierende Gespräch, Harald, äh, Franny.


NLP-Kongress des DVNLP am 29.-30.10.2022 in Braunschweig

Thema: Gefühle